Vom Zauber der runden Zahl

Genau genommen ist der dreißigste Geburtstag nicht anders als der neunundzwanzigste oder der einunddreißigste – wenn da nicht die Faszination der runden Zahlen wäre. Man könnte auch sagen: die Verneigung vor der Zehn im Dezimalsystem. Wann immer eine durch zehn dividierbare Zahl erreicht ist, vermuten wir, dass sich etwas erfüllt und rundet. Wir sprechen dann auch vom „runden“ Geburtstag und Jubiläum. Gleichzeitig suggeriert die Null, die dann hinter einer Ziffer steht, dass nun alles wieder neu beginnt, unberührt, mit allen Chancen des Neubeginns. Was wird wachsen im neuen Jahrzehnt? Welche Herausforderungen werden zu bestehen sein? Was wird zu Ende gehen?

Doch die Null, zumal wo sie sich – etwa in einer Jahrhundertwende – häuft, lässt nicht nur jubeln, sie beunruhigt auch. Wenn wieder alles möglich ist, kann auch die Katastrophe kommen. Um sie hintanzuhalten, geht der Blick zum Ursprung zurück, sich vergewissernd und dankbar. Wir sind einen langen Weg gegangen bis hierher, wir wurden gehalten und beschenkt – und dürfen vertrauen, dass das auch jenseits der Schwelle des vollen Jahrzehnts so weitergeht. Wir haben Schwierigkeiten überwunden, Probleme gelöst und sind gewachsen, anstatt zugrunde zu gehen. Das neue Jahrzehnt, es mag kommen.

Wieder einmal steht die österreichische MIVA vor einem mehrfachen Jubiläum. Sie selbst wird 70 Jahre alt, der BBM 30, die FahrradAktion 25. Das ChristophorusHaus wurde vor 15 Jahren eingeweiht und die ChristophorusAktion wird im kommenden Jahr zum 60. Mal stattfinden.

Die Geschichte der MIVA wurde oft erzählt und hat an Strahlkraft nichts eingebüßt. Wie der junge Ordensmann Paul Schulte zum leidenschaftlichen Piloten wird und von Anfang an versucht, seine Berufung zum Priester mit jener zum Flieger in Verbindung zu bringen. Wie sein enger Freund und Ordensmitbruder Otto Fuhrmann in „Deutsch-Südwestafrika“, wie Namibia als deutsche Kolonie hieß, an Malaria stirbt, weil er nicht rechtzeitig ins Spital gebracht werden kann. Wie Paul Schulte an seinem Grab steht und aus der Trauer um den toten Freund die Idee gebiert, Missionaren durch Flugzeuge und Fahrzeuge („zu Wasser, zu Lande und in der Luft“) das Leben zu erleichtern – oder eben zu retten. Wie er seine „Missions-Verkehrs-Arbeitsgemeinschaft“ gründet und keinen Geringeren als den damaligen Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer als ersten MIVA-Präsidenten gewinnt. Wie er mit Filmen und Büchern, die über seine Reisen berichten, als „Fliegender Pater“ die Herzen erobert – und die Phantasie der Kinder. Wie der in Deutschland gezündete Funke in Österreich zum Feuer wird, weil sich Karl Kumpfmüller in Stadl-Paura vom „Fliegenden Pater“ nicht nur begeistern sondern zu eigenem Handeln bewegen lässt. Wie nach dem Zweiten Weltkrieg die MIVA in Deutschland an Bedeutung verliert und am Ende nicht überlebt, während sie in Österreich seit ihrer Gründung 1949 an Dynamik und Bekanntheit beständig zulegt. Das alles ist es wert, immer und immer wieder, zumindest aber zu runden Jubiläen, betrachtet zu werden. Als Vergewisserung für heute.

Der enorme Elan Pater Schultes hätte nicht ausgereicht, die MIVA auch in Österreich in Schwung zu bringen, wären da nicht die Einsatzbereitschaft und der Ideenreichtum Karl Kumpfmüllers gewesen. Die Anfänge waren bescheiden, aber die MIVA schlug in Stadl-Paura, in der Diözese Linz und in ganz Österreich bald Wurzeln. Sie wuchs. Und das war nicht nur der Spendenbereitschaft einer nicht im Überfluss lebenden Nachkriegsgesellschaft zu verdanken, sondern auch den Ideen, die Karl Kumpfmüller erstens hatte und zweitens umsetzte. Seine Anregung an die Katholische Jungschar, den Sternsinger-Brauch in den Dienst der Weltkirche zu stellen, war eine solcher Einfall. Die Dreikönigsaktion ist heute die finanzstärkste kirchliche NGO im Bereich Mission und Entwicklung. Auch die Idee, die in den Fünfzigerjahren mehr und mehr auf den Straßen anzutreffenden Autofahrerinnen und Autofahrer um einen Groschen für jeden unfallfreien Kilometer zu bitten, wurde zum Erfolgsmodell. Noch heute ist die ChristophorusAktion die wichtigste Sammlung der MIVA und bildet ihr finanzielles Rückgrat. 2019 zum 60. Mal.

Die MIVA wuchs. Sie wurde in den Diözesen der Partnerländer bekannt. Sie unterstützte österreichische Missionare und Missionsschwestern ihr ganzes Berufsleben lang. Die Kontakte zu einheimischen Bischöfen und Priestern in den Einsatzländern wurden häufiger. Afrika, Lateinamerika, Südostasien: der Aufgaben wurden mehr, die Not in vielen Teilen der Welt deutlicher sichtbar. Zum Glück wuchsen auch die Spendenzahlen auf ein stattliches Niveau. Jahr für Jahr konnten mehr Projekte aus den Bereichen Pastoral, Entwicklung und Medizin durch die Finanzierung von Verkehrsmitteln gefördert werden.

Der BBM, gegründet vor 30 Jahren als Beschaffungsbetrieb der MIVA, ist mit seiner ökologisch-technischen Expertise und seinem Transport-Know-how, das auch andere NGOs nutzen, heute nicht mehr wegzudenken. Und – klein, aber oho: Die MIVA-FahrradAktion im Mai, die motorlose Fahrzeuge finanziert, ist ein Vierteljahrhundert alt – und erfolgreich wie eh und je.

Allerdings: Gründungsjubiläen sind nicht ganz ungefährlich. Denn sie kehren in regelmäßigen Abständen wieder und laden zum immer gleichen Rückblick auf die alten Zeiten ein. Am Ende sind sie dann nicht mehr als eine Markierung der rasch vergehenden Zeit. Dieser Gefahr kann nur begegnen, wer die runden Zahlen als Anlass nimmt, in die Zukunft zu blicken. Was waren die Herausforderungen damals? Und welche sind es heute? Welche Ideen waren damals goldrichtig? Und welche heute?

Denn die Zukunft hat längst begonnen. Die altgedienten Missionare aus Österreich, die Brückenschläger zwischen Heimat und Einsatzländern waren, werden weniger. Die Zeiten, in denen Missionsteams den alten Pater aus Österreich auf Urlaub schickten, wenn das Geld zur Neige ging – wohl wissend, dass er nicht mit leeren Händen zurückkehren würde –, neigen sich unwiderruflich dem Ende zu. Junge Nachfolger sind selten. Die Notwendigkeit aber, die jungen Kirchen in armen Ländern mit Fahrzeugen zu unterstützen, ist geblieben. Die Kontakte zu den Diözesen, zu einheimischen Priestern und Bischöfen sind zuletzt wichtiger geworden – und werden immer noch wichtiger werden.

Die andere Herausforderung aber heißt: Wird es gelingen, das Bewusstsein von der Notwendigkeit internationaler Solidarität wach zu halten? Und wenn ja: Mit welchen Mitteln?

Wieder steht eine Null im Geburtstag. Welche Herausforderungen werden zu bestehen sein? Was wird zu Ende gehen? Und was wird wachsen im Neuen Jahrzehnt?