Der Blick über den Tellerrand

Ein Gespräch mit MIVA-Präsident Dr. Adi Trawöger

Über einen Mangel an Aufgaben kann Konsistorialrat Dr. Adi Trawöger nicht klagen. Sein Engagement in der Diözese Linz ist breit gefächert. Trawöger ist Rektor des Bildungshauses Schloss Puchberg und geistlicher Begleiter hauptamtlicher Seelsorgerinnen und Seelsorger. Er leitet Einkehrtage und Exerzitien. Als Landesfeuerwehrkurat betreut er unter anderem Feuerwehrmänner nach belastenden Einsätzen. Dazu ist er Bischofsvikar für Orden, Säkularinstitute und geistliche Gemeinschaften, Mitglied des Linzer Domkapitels und – seit 2010 – Präsident der MIVA Austria, wo er sich als „Verbindungsmann zur Diözese“ sieht. Im März wurde Adi Trawöger 60. Wir haben mit ihm gesprochen.

Herr Präsident, wie fühlen Sie sich mit 60?
Adi Trawöger: Nicht anders als mit 59. Da ist nicht viel Unterschied.

Und verglichen mit 29?
Da ist schon ein Unterschied. Ich merke, dass ich mehr Erholung brauche.

Haben Sie jetzt mehr Lust auf Zukunft oder darauf, zurückzuschauen?
Ich bin am ehesten einer, der in der Gegenwart lebt. Was ich mache, versuche ich möglichst gut zu machen. Was dann kommt, wird sich zeigen.

Sie sind seit 2010 Prälat Josef Ahammer als MIVA-Präsident nachgefolgt. Was sind die Aufgaben eines MIVA-Präsidenten?
Ich leite die Sitzungen des Vorstandes, der strategische Entscheidungen trifft und ein Auge darauf hat, dass bestimmte Kriterien und Leitlinien eingehalten werden und das MIVA-Schiff auf Kurs bleibt. Bei der Vergabe
der Spendengelder an die Projekte habe ich eine gewisse Aufsichtspflicht und sorge mit den Projektreferentinnen, der Geschäftsführung und dem gesamten Vorstand dafür, dass diese Gelder nach bestem Wissen und Gewissen widmungsgemäß verwendet werden. Ich bin als Präsident sozusagen der Verbindungsmann zwischen der Kirche oder der Diözese und der MIVA. Und ich bin der Ansprechpartner für die Geschäftsführung von MIVA und BBM, etwa wenn es um schwierigere Entscheidungen geht.

Da ist es dann also sinnvoll, dass Sie Seelsorger sind?
Zumindest muss an dieser Stelle jemand sein, der die Fähigkeit hat, gut zuzuhören um die Dinge noch einmal auf einer anderen Ebene zu besprechen. Ich würde das aber eher Coaching nennen. Ich bin da nicht jemand, der die Entscheidung an sich zieht, aber manchmal ist es sinnvoll, sich in Ruhe zusammenzusetzen und zu überlegen: Ist das gescheit, was wir tun? Die Projekte wurden seinerzeit in sehr zeitaufwändigen Sitzungen eines Zuteilungsausschusses bewertet.

Wie läuft das heute?
Die interne Struktur wurde vor einigen Jahren neu aufgestellt. Dabei wurde der Zuteilungsausschuss in den Vorstand integriert. Eine Vorentscheidung, je nach Priorität, wird dabei bereits von den Projektreferentinnen getroffen. Der Vorstand befasst  sich in den Sitzungen dann nur noch mit strittigen oder nicht ganz eindeutigen Entscheidungen. Auch das geschieht gemeinsam mit den Projektreferentinnen, die hervorragende Arbeit leisten.

Wie sind Sie eigentlich zur MIVA gekommen?
Als ich in Rom Theologie studierte, durfte ich anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Dreikönigsaktion eine Gruppe von Sternsingern begleiten. Sie war in den Vatikan eingeladen, um mit dem Papst Messe zu feiern und zu singen. Der geistliche Assistent der Katholischen Jungschar Rudi Wolfsberger – er ist leider Ende Juni verstorben – war wie ich ein Laakirchner. Vermutlich war das der Grund dafür, dass ich gebeten wurde, die Gruppe als Romkenner zu begleiten. Auch Franz Xaver Kumpfmüller war dabei. So kamen wir erstmals in Kontakt. Viele Jahre später, nach dem Rücktritt Prälat Josef Ahammers, wurde ich gefragt, ob ich MIVA-Präsident werden wolle. Ich habe sofort gesagt: Ja, da möchte ich gerne ehrenamtlich etwas tun. Das Internationale an der MIVA-Arbeit hat mich immer schon fasziniert.

Wie sind Sie mit internationaler Solidarität und Weltkirche in Berührung gekommen?
Das war knapp vor meiner Priesterweihe, da konnte ich Erzbischof Alois Wagner, der damals so etwas wie der Entwicklungshilfe-Bischof im Vatikan war, nach Tansania und Kenia begleiten. Wir haben dort Projekte der Dreikönigsaktion, aber auch MIVA-Projekte besucht. Mich hat damals schon fasziniert zu sehen, wie die Hilfe tatsächlich ankommt – und wie wichtig es ist, dass es jemanden gibt, der dort ein Stück Mobilität ermöglicht. Dabei geht es um mehr als Hilfeleistung. Es geht um Beziehung, um das Erleben von Weltkirche. Wir gehören zusammen und schauen aufeinander. Und wir lernen voneinander.

Was können wir von den Projektpartnerinnen und -partnern lernen?
Zum Beispiel mit Wenigem zu leben und trotzdem Lebensfreude auszustrahlen. Ich habe in Afrika das Willkommen-Sein immer als etwas Beglückendes erlebt. Menschen, die viel weniger haben als wir, zeigen – zumindest habe ich es so erlebt – eine wesentlich intensivere Gastfreundschaft. Da könnten wir uns eine Scheibe abschneiden.

Die MIVA konzentriert sich auf sehr materielle Dinge. Ein Auto, ein Motorrad, ein Fahrrad. Wie kann von einem so technischen Ding eine frohe Botschaft ausgehen?
In unseren Einsatzländern haben die Fahrzeuge eine wichtige Bedeutung für die Gemeinschaft. Von dem Auto des einen Priesters profitieren viele Dörfer und Gemeinden. Krankentransport, Schulbus, Pastoralbesuche oder die mobile Arbeit der Katechisten auf den MIVA-Fahrrädern: Jedes Fahrzeug erfüllt einen Zweck, der der Gemeinschaft zugutekommt. Aber auch der symbolische Wert ist groß. Er liegt darin, dass wir an die Menschen denken, an ihre Situation, die uns nicht egal ist. Das ist für mich konkret gelebtes Christentum. Gerade das Auto steht hierzulande in der Kritik. Stichwort: ökologischer Fußabdruck.

Was sagen Sie Kritikern, die meinen, man solle das Statussymbol der Überflussgesellschaft nicht auch noch exportieren?
Es geht nicht darum, den Menschen dort unsere Autobahn-Staus zu liefern. Es geht darum, dass sie soziale Möglichkeiten bekommen, die für uns selbstverständlich sind. Wenn bei uns ein Unglück geschieht, kommt der Rettungshubschrauber. Dort haben viele Menschen praktisch keine Möglichkeit, ins Krankenhaus transportiert zu werden. Wir liefern nicht einfach Autos, Fahrräder und Motorräder nach Indien oder Afrika, sondern es wird genau überlegt, was diese oder jene Gemeinschaft jetzt am meisten braucht. Nehmen wir zum Beispiel das Maultier-Projekt in Haiti. Autos oder Fahrräder könnten dort nicht fahren. Um ihr Gemüse zum Markt zu bringen, brauchen die Frauen einer Gemeinde in den Bergen Maultiere. Darum geht es: zu schauen, was die konkrete Gemeinschaft braucht.

Die Corona-Pandemie stellt uns auch hier in Europa vor ungeahnte Schwierigkeiten, nicht nur medizinische, sondern auch wirtschaftliche. Da ist es doch verständlich, wenn wir uns zuerst um uns selbst kümmern und um die vielen, die bei uns in wirtschaftliche Notlagen geraten. Warum bittet die MIVA auch in dieser schwierigen Phase beharrlich um Spenden?
Wir sollen das eine tun und das andere nicht lassen. Bei uns geschieht ja viel, um die Folgen der Krise abzufedern. Viel wird auch noch geschehen müssen, um Härtefälle aufzufangen. Aber insgesamt ist unser Ausgangspunkt ein anderer. In den ärmsten Gegenden der Welt wissen die Menschen oft buchstäblich nicht, wie sie  ihre Familien ernähren sollen. Ich finde es darum sehr gescheit, dass die Regierung die Entwicklungshilfe nicht kürzt, sondern aufstockt. Alle Menschen haben ein Recht, ihr Leben in Würde zu gestalten, sich zu entfalten und etwas aufzubauen. Wenn das in  ihren Ländern nicht gegeben ist, werden sie sich auf den Weg machen.

Die neue Papst-Enzyklika „Fratelli tutti“ kann man als Aufschrei gegen den Egoismus lesen, gegen den Egoismus des Einzelnen und gegen den nationalen Egoismus. Könnte uns die Pandemie aus Ihrer Sicht helfen, den Egoismus zu überwinden?
Ich bin normalerweise Optimist, aber hier bin ich pessimistisch. Sobald ein Impfstoff gefunden wird und diese lähmende Ungewissheit vorüber ist, werden wir vermutlich sehr rasch zu unserem gewohnten Trott und Alltag zurückkehren. Wir Menschen – und ich möchte mich selbst da gar nicht ausnehmen – sind träge. Wir haben es uns im Wohlfühlkämmerlein des Westens behaglich eingerichtet. Ich fürchte, dass aus der  Pandemie kein großer Umschwung kommen wird. Aber wir stehen vor großen Herausforderungen. Die wirklichen Völkerwanderungen haben noch gar nicht begonnen, die kommen erst. Da wird es sehr entscheidend sein, ob es uns gelingt, ein neues Miteinander zu finden, hier in Europa und in Österreich. Das ist ja auch eine Aufgabe der MIVA: den Horizont zu weiten. Je mehr wir andere Kulturen und Menschen kennenlernen, desto besser. Je mehr es gelingt, über den Tellerrand zu schauen, desto mehr werden wir erkennen, dass andere Menschen eine Bereicherung bedeuten, keine Verarmung oder Bedrohung. Dass wir nur „wir“ sind, das gilt schon lange nicht mehr. Wenn es uns gelingt, diese Herausforderung zu meistern, werden wir Zukunft haben.