Republik Zentralafrika: reiches armes Land

Auf 622.984 Quadratkilometer Fläche leben in der Republik Zentralafrika nur 4.83 Millionen Menschen, etwa acht pro Quadratkilometer. Zum Vergleich: In Österreich, das mit seinen vielen Gebirgslandschaften keineswegs zu den dichtest besiedelten Ländern der Welt gehört, zählt man schon 106 Einwohner pro Quadratkilometer. In den flachen Niederlanden leben durchschnittlich 413 Einwohnerinnen und Einwohner pro Quadratkilometer – mehr als 50 Mal so viele wie in Zentralafrika. Allerdings ist auch in Zentralafrika die Bevölkerungsdichte ungleich verteilt. Regenwaldgebiete und Trockensavanne sind kaum bewohnt; die großen Siedlungsgebiete finden sich entlang der Flüsse.

Fruchtbare Böden, armes Land
Was die Qualität der Anbauflächen betrifft, gibt es in Zentralafrika nichts zu klagen. „Der Boden ist fruchtbar“, sagt Ex-Missionar Helmut Buchegger, „alles wächst und gedeiht.“ Und zwar über das gesamte Jahr. Einen Winter im europäischen Sinn gibt es nicht. Aber nur ein winziger Teil des gesamten Areals kann landwirtschaftlich genutzt werden. Das liegt auch daran, dass es kaum Maschinen und Fahrzeuge gibt, um größere Mengen zu ernten und auf den (Welt-)Markt zu bringen. Andererseits: Verhungern muss man in Zentralafrika nicht. Etwas Essbares ist in der Regel immer zu finden. Von „wechselfeuchten“ bzw. „immerfeuchten Tropen“ spricht die Klimatologie. Aber laut „Human Development Index” (HDI), jenem Quotienten, der aus zahlreichen Parametern den Wohlstand eines Landes misst, liegt die Republik Zentralafrika hinter dem Tschad an vorletzter Stelle. Nur Niger hat noch schlechtere Werte. Die Lebenserwartung von kaum mehr als 53 Jahren ist die niedrigste der Welt.

Das Ende der Baumwolle
Eine Ursache könnte in einer verunglückten Agrarpolitik liegen. Der mit harter Hand regierende Kaiser Jean- Bédel-Bokassa setzte stark auf die Landwirtschaft und steigerte neben dem Kaffee-Export vor allem die Produktion von Baumwolle. Damit kam er den Wünschen der europäischen und amerikanischen Industrie entgegen. „Überall im Land“, erinnert sich Helmut Buchegger, „wurden Baumwollfabriken errichtet.“ Die Webereien allerdings standen im Norden. Daran hat sich bis heute wenig geändert: Europa fragt in Afrika vor allem Rohstoffe nach. Mitte der Siebzigerjahre aber geriet die Baumwollproduktion ins Stocken. Die Straßen waren schlecht, die Transportwege gehen oft über 700, 800 Kilometer. Reifenpannen standen an der Tagesordnung; die Rentabilität war bald zu gering. Die Industrieländer sahen aber keinen Anlass, in bessere Transportsysteme zu investieren. Im Gegenteil. Helmut Buchegger war im Land und kann sich gut erinnern, wie die Baumwollproduktion von einem Jahr aufs andere praktisch zum Erliegen kam. In Ägypten hatte man eine Baumwollsorte mit längeren Fasern gezüchtet. Schlagartig verlor die Wolle aus Zentralafrika an Wert. Der Weltmarkt wendete sich ab.

Reichtum für wenige
Reich ist das Land außerdem an Bodenschätzen: Zentralafrika lockt mit Erdölvorkommen und Goldadern. Auch Diamanten werden abgebaut. Die sind zwar nicht die allerschönsten, finden aber als Industrie-Diamanten reißenden Absatz. Das Problem dabei: Wie zahlreiche Beispiele auch anderer Länder eindrucksvoll beweisen, bringen Bodenschätze häufig mehr Probleme mit sich als sie zu lösen helfen. Sie wecken die Begehrlichkeit unterschiedlicher Gruppen, behindern demokratische Entwicklungen, heizen Konflikte an und spülen Profit in die Taschen von Eliten, anstatt zum Beispiel Bildungs- und Gesundheitssysteme im Land verbessern zu helfen. Eine sinnvolle, für alle spürbare Investition der Gewinne würde stabile Verhältnisse und demokratischen Ausgleich voraussetzen

Eine schwierige Geschichte
Der Kolonialismus, also jene Phase des Imperialismus, in der sich europäische Staaten berechtigt sahen, weite Gebiete in Afrika für sich zu beanspruchen, hat in Zentralafrika seine Spuren hinterlassen. Landessprache ist neben Sango immer noch Französisch, die Sprache der ehemaligen Kolonialherren. Ubangi-Schari hieß das nach zwei Flüssen benannte Gebiet, das die Franzosen 1910 in die Kolonie Französisch-Äquatorialafrika eingliederten. Im Verlauf des Ersten Weltkrieges, in dem afrikanische Soldaten für die Interessen „ihrer“ europäischen Kaiser und Könige, die sie kaum kannten, in den Kampf ziehen mussten, wurde ein Teil der deutschen Kolonie Kamerun erobert. Die heutige Republik Zentralafrika ist mit diesem erweiterten Ubangi-Schari weitgehend deckungs- gleich. Wie auch viele andere afrikanische Länder erlangte die Republik 1960 die Unabhängigkeit. David Dacko wurde zum ersten Präsidenten des neuen Staates gewählt. Sechs Jahre später aber putschte Colonel Jean-Bédel Bokassa gegen ihn und verwandelte zehn Jahre später die Republik in eine Monarchie. Als Bokassa I. regierte der Autokrat das nunmehrige Kaiserreich Zentralafrika mit harter Hand. Auch vor Terror schreckte er nicht zurück. Zum Kaiser musste er sich freilich selbst krönen, Papst Paul VI. hatte dankend abgelehnt. Immerhin bezeichnete sich der Gewaltherrscher auch als 13. Apostel Jesu. Nach seinem Sturz wurde der fromme Herrscher wegen Mordes, Folter, Korruption und sogar Kannibalismus zum Tod verurteilt. Allerdings war er zu dieser Zeit im französischen Exil. Zurück in Bangui, wurde er zwar ein weiteres Mal verurteilt, die Todesstrafe aber in lebenslange Zwangsarbeit umgewandelt. Nach einer Generalamnestie anlässlich der Rückkehr zur Demokratie unter Präsident André Kolingba 1993 kam Bokassa frei und starb mit 75 Jahren in Bangui eines natürlichen Todes.
Kampf um Macht, Gewalt und Umsturz, das ist der Republik bis heute erhalten geblieben. Helmut Buchegger erzählt, er habe in den fast 24 Jahren lediglich zwei Wahlen erlebt, aber drei gewaltsame Umstürze.

Die Religionen als Hoffnungsträger
Obwohl in der Auseinandersetzung zwischen Séléka und Anti-Balaka die religiöse Komponente zunächst wenig Gewicht hatte, droht dem Land – nach dem Vorbild des Sudan – eine Spaltung zwischen dem muslimischen Norden und dem christlichen Süden. Etwa 900.000 Menschen wurden durch die Unruhen seit März 2013 im Land vertrieben. Das könnte die Dynamik der Spaltung auf lange Sicht noch verstärken. Eine Offensive der Rebellen Ende des vergangenen Jahres führte zu neuerlichen Konfrontationen mit dem Militär, das sich behaupten konnte und Gebietsgewinne meldete. Der Friedensprozess von Khartoum, in dem sich die Regierung mit 13 verschiedenen Rebellengruppen geeinigt hatte, gilt seither als gescheitert. Erfreulich ist in dieser Situation, dass die Oberhäupter der Religionen den Konflikt nicht nur nicht anheizen, sondern ihm jede Grundlage entziehen. Man dürfe nicht nur auf militärische Siege setzen, sondern im Dialog das Feuer der Gewalt auslöschen, sagte Kardinal Dieudonné Nzapalainga in Reaktion auf die Siegesmeldung der regierungstreuen Truppen. Der frühere Imam Omar Kobine Layama, der im November 2020 verstarb, wie auch sein Nachfolger Abdoulaye Ouasselogue stießen ins selbe Horn: „Gewalt führt kurz-, mittel- und langfristig nur zu immer neuer Gewalt“, sagte er und forderte einen ernsthaften, alle Gruppen einschließenden Dialog, der nicht von politischen Kalkulationen in Mitleidenschaft gezogen werden dürfe.

Seit geraumer Zeit ist das derzeit noch in Wien angesiedelte Dialogzentrum „KAICIID“ in der Zentralafrikanischen Republik aktiv und engagiert sich mit den Religionsvertretern für Dialog und Frieden. Die religiösen Führer sind in der Regel überparteilich und können über Konfliktlinien hinweg Kontakt zur anderen Seite halten. Mit ihren Stellungnahmen entziehen sie der Gewalt im Land die moralische Grundlage. Frieden bedeutet nicht nur das Schweigen der Waffen; er braucht Strategie und mutiges Handeln. Etwa wenn es um Versöhnungsbemühungen geht, um die Etablierung einer Übergangsjustiz oder um die Reintegration bewaffneter Kämpfer in die Gesellschaft: Die Religionen werden gebraucht und können einen wertvollen Beitrag leisten.

Ob es Zentralafrika in naher Zukunft schaffen könnte, aus dem Schatten der Gewalt zu treten? Die Hoffnung stirbt zuletzt.