Christen im Land der vielen Götter

Das MIVA-Beispielland 2019 ist riesig. Mehr als 1,3 Milliarden Menschen leben in Indien, in 29 Bundesstaaten. Neben den Amtssprachen Hindi und Englisch kennt das Land etwa hundert Lokalsprachen. Es ist ein Land von majestätischer Schönheit und faszinierender Natur, von kulturellem Reichtum und eindrucksvollen Bauwerken. Andererseits aber auch ein Land mit extremer Armut, belastet von enormen Unterschieden zwischen Besitzenden und Besitzlosen. Ein Land voller Widersprüche, in dem die Einteilung der Menschen in höhere und niedere Kasten längst abgeschafft ist – und trotzdem wirksam und unüberwindlich wie je zuvor. Wirtschaftlicher Aufschwung hat zuletzt vielen Menschen den Weg aus der Armut gewiesen und einen relativ wohlhabenden Mittelstand geschaffen. Aber umso größer ist die Enttäuschung bei den vielen, denen ein solcher Aufstieg verwehrt blieb.

Viele Götter, ein Gott

Indien ist das Land der Götter. Neben der auch im Westen bekannten Trias von Brahma, Vishnu und Shiva wimmelt der Himmel nur so von Göttern und Göttinnen, Gottessöhnen und Gottestöchtern unterschiedlicher Zuständigkeit. Die Geschichten über Götter und Menschen sind end- und uferlos, phantastisch und mitreißend.

Experten verweisen darauf, dass im tiefsten Inneren des scheinbar hemmungslos polytheistischen Denkens der Glaube an einen einzigen Gott wirksam ist. Alles andere sei betörende Ausgestaltung der einen tiefen Beziehung zwischen Gott und Mensch. Viele Menschen aus dem Westen zieht die spirituelle Atmosphäre in Indien an. Sie kommen zu Meditationen in die Ashrams, suchen sich einen „Guru“, der ihnen hilft, ihr Leben zu bewältigen oder unterziehen sich heilenden Behandlungen, die auf der altindischen Weisheit des Ayurveda beruhen.

Konflikte zwischen Hindus und Muslimen

Indien ist allerdings nicht nur das Land der Hindus. Es ist, was Religion und Religionen betrifft, bunt und vielfältig: Muslime, Sikhs, Jains, Buddhisten und Christen sind in Indien zu Hause. Nicht zuletzt bei jeder Reise zum Taj Mahal, einem der großen architektonischen Wunder dieser Erde, tritt das muslimische Erbe der indischen Tradition ins Bewusstsein. Bis heute bilden die Muslime eine prägende Minderheit. 1947, kurz nachdem es von Großbritannien in die Unabhängigkeit entlassen worden war, schlitterte Indien in die blutige und schmerzliche „Partition“, die Teilung in ein muslimisches Pakistan – aus Ostpakistan wurde später Bangladesh – und ein „Hindustan“ der Hindus. Unruhen zwischen Muslimen und Hindus waren dem vorausgegangen. Gewaltsame Vertreibungen sowie Lynch- und Rachemorde kosteten vielen Menschen das Leben. Historiker rechnen mit bis zu einer Million Todesopfern. Prominentes Opfer dieses blutigen Streits zwischen Hindus und Muslimen war der in aller Welt als Pionier des gewaltfreien Widerstands bekannte Politiker und Freiheitskämpfer Mahatma Gandhi. Er wollte die Teilung verhindern und zwischen Muslimen und Hindus Versöhnung stiften. Ein fanatischer Hindu wurde sein Mörder.

Im ungelösten Konflikt zwischen Indien und Pakistan um die Region Kaschmir setzt sich die schmerzhafte Geschichte der Teilung bis heute fort.

Thomas und Francisco

Christen bilden in Indien eine bescheidene Minderheit von etwa 2,3 Prozent – wobei auch dieser geringe Prozentsatz in absoluten Zahlen mehr als 30 Millionen Menschen bedeutet. Ein Teil von ihnen, etwa sieben Millionen, versteht sich als „Thomaschristen“. Nach einer lokalen Tradition soll es der Apostel Thomas gewesen sein, der die ersten christlichen Gemeinden auf indischem Boden gegründet hat. Thomas soll nach den Osterereignissen in Jerusalem ostwärts gewandert sein, bevor er über den Irak, den Iran, Afghanistan und Belutschistan nach Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu gelangte. Sein Grab wird dort verehrt.

Aber auch der Heilige Francisco de Xavier (Franz Xaver), einer der ersten Jesuiten und Gefährte des Ignatius von Loyola, wird verehrt. Er kam 1542 nach Goa und wirkte dort drei Jahre lang als Missionar, wobei er zum Vorreiter eines zeitgemäßen Missionsverständnisses wurde. Franz Xaver, der bei seinem Versuch, auch in China zu predigen, auf einer dem chinesischen Festland vorgelagerten Insel ums Leben kam, liegt heute in der Kathedrale von Goa begraben. Unter denen, die zu seinem Sarkophag pilgern, sind viele Hindus, die den Christen aus Spanien als einen der ihren verehren.

Als im November 1999 Papst Johannes Paul II. zu einem Pastoralbesuch nach Indien kam, protestierten fundamentalistische Hindus gegen ihn und machten deutlich, dass das Oberhaupt der katholischen Kirche in ihrem Land nicht willkommen sei. Näher am Puls der gläubigen Hindus war damals jedoch die Aussage eines Hindu-Priesters in Neu-Delhi, dem zum Pontifex aus Rom Folgendes einfiel: „Der Papst ist ein Schiff, beladen mit Weisheit. Wir sind froh, dass dieses Schiff nach Indien kommt. Bestimmt wird der Papst in seinem nächsten Leben als Inder und Hindu geboren.“

MIVA in Indien

Christen leben heute überwiegend im Süden Indiens, in den Bundesstaaten Kerala und Tamil Nadu – dort, wo mit den portugiesischen Kolonialherren auch Missionare ins Land kamen.

Zwei Priester einer Pfarre in der Diözese Dharmapuri (Tamil Nadu) haben um bescheidene zwei Motorräder angesucht. Auf öffentliche Verkehrsmittel sei kein Verlass, schreiben sie.
Sie wollen aber regelmäßig zu den Menschen in den insgesamt 36 Dörfern der Pfarre kommen, um mit ihnen Gottesdienst zu feiern und ihnen seelsorglich beizustehen. Die Pfarre betreibt drei Schulen, in denen außer Katholiken auch Hindus und Muslime unterrichtet werden. Sie führt ein Waisenhaus, und sie hat eine Kommission eingerichtet, die sich in dem gesamten Gebiet für die Rechte der Frauen einsetzt.

Die Diözese Ernakulam liegt in Kerala. Eine ihrer Schulen hat vor kurzem ihren Schulbus verloren. Bei einer großen Flutkatastrophe wurde er völlig zerstört. Die Kinder müssen aber auf dem Weg zur Schule bis zu 25 Kilometer zurücklegen und sind daher auf den Bus angewiesen. Die MIVA wird helfen.

Aber die Hilfe aus Stadl-Paura konzentriert sich nicht zur Gänze auf Südindien. Die Diözese Amravati im zentralindischen Bundesstaat Maharashtra hat um ein Fahrzeug für eine ihrer Pfarren angesucht. Priester und Schwestern leisten dort neben ihrer pastoralen Tätigkeit umfassende Hilfe im Bereich der Gesundheitsvorsorge und der Hygiene sowie der Stärkung der Frauen. Zentrale Aufgabe hier wie anderswo ist die Bildung. Etwa 70 Prozent der Bevölkerung können weder lesen noch schreiben. Zudem führt der Klimawandel durch unvorhergesehene Regenfälle und Überflutungen zu Ernteausfällen. Priester und Schwestern sehen sich mehr und mehr mit unterernährten Kindern und Erwachsenen konfrontiert. Hilfe ist dringender denn je.