Br. Emanuel Huemer SVD

COVID-19  – Bericht aus Mexiko, Br. Emanuel Huemer (SVD) (Mitte April 2020)

„Ich arbeite gerade als SVD – Bruder im Rahmen meiner Ausbildung im südlichsten Bundesstaat Mexikos, in Chiapas. Hier in Salto de Agua betreiben wir eine Migrantenunterkunft und sind in der Indigenenpastoral des Mayavolkes der Ch’ol tätig. Gerne berichte ich über die aktuelle Situation hier.“ 

Im Bundesstaat Chiapas sind die vorbeugenden Maßnahmen zur Vermeidung der Ansteckung mit dem Covid-19 Virus spürbar. Der öffentliche Verkehr zwischen den über 90 indigenen Gemeinschaften/Dörfern und dem Zentrum der Pfarre, Salto de Agua, ist weitgehend eingestellt. Auf den Straßen ist nur noch wenig Individualverkehr (meist Motorräder) unterwegs. Auch viele Geschäfte wurden geschlossen und das „Ley Seca (Gesetz der Trockenheit) trat in Kraft, dass jeden Verkauf von Alkoholischen Getränken verbietet. Kontrolliert werden gelegentlich Taschen und Rucksäcke auf verbotene Getränke. Obwohl sich unter der Hand noch eine beachtliche Menge an Bier und Cana verkauft.

In der Kreishauptstadt/Bezirkshauptstadt, Salto de Agua, wobei „Stadt“ falsche Vorstellungen weckt, ist der Großteil der Menschen durch verstärkte Polizeipräsenz gewarnt und vorsichtig im öffentlichen Raum und in den Begegnungen. Konkrete Maßnahmen, wie das Schließen von Imbissständen, Straßenmärkten, Geschäften und Betrieben aller Art mit Ausnahme Lebensmittelgeschäften und Apotheken, Sperre von öffentlichen Räumen wie zB. Sportplatz, Parkanlagen, und die ersten Ansteckungen im Bundesstaat Chiapas haben der Mehrzahl der Bevölkerung von Satlo de Agua den Ernst der Lage deutlich gemacht. Ich höre auch von Älteren Personen die aus Sorge freiwillig ihr Zimmer seit einem Monat nicht mehr verlassen haben.

Seit der ersten Anweisungen des Bischofs Mitte März haben wir die indigenen Gemeinschaften  nicht mehr besucht. Zur Selben Zeit schlossen die Autonomen Zentren der indigenen Organisation EZLN (Zapatisten) ihre Gebiete. Momentan haben wir nur wenig Kontakt zu den über 90 indigenen Dorf-Gemeinschaften. Gelegentlich verirrt sich noch der eine oder andere Katechet, der die Situation anders einschätzt, zu uns. Über diese Besuche und über Telefon erreichen uns Erzählungen von unbedarften Umgang mit der Ansteckungsgefahr in den indigenen Gemeinschaften und ein offensichtlich fehlendes Problembewusstsein. Es kursieren beschwichtigende Gerüchte, dass der Virus die tropische Hitze nur schlecht verträgt und so ohnehin schnell abstirbt. Auch hörten wir schon, dass es bloß eine Grippe ist oder dass es sich um politische Propaganda handelt und zudem die indigene Bevölkerung ohnehin ein sehr robustes Immunsystem hat.

Als Pfarre versuchen wir im Rahmen der Radio- Übertragungen und Facebook-livestreams der täglichen Abendmessen und der Osterliturgie zu informieren. Wir versuchen mit gutem Beispiel voranzugehen und geben Vorschläge zur Feier der Kar- Ostertage im Hausverband weiter.

Auf nationaler Ebene reagiert der Präsident Andrés Manuel Lopez Obrador zurückhaltend, wofür er kritisiert wird. Dieser wiederum entgegnet, auf Basis von Fakten Politik zu machen.

Auf Ebene des Bundesstaates, Chiapas, kursiert seit Samstag (4.4.) eine offizielle Durchsage eines Regierungsmitglied, daß die Beschlüsse der Sitzung zusammenfasst. Wie viel andere Information auch, kam diese Sprachnachricht über Whatsapp.  Er meint, dass Chiapas in diesen Tagen ernsthaft von dem Virus heimgesucht würde und daher ab Montag (6.4.) ein allgemeines Ausgehverbot beschlossen wurde. Sie kamen auch zur Überzeugung, dass das Gesundheitssystem des Bundesstaates ungenügend ist um es mit der Gefahr des Virus auf zu nehmen. Man verfügt nicht über genügend Mechanismen um auf den Virus adäquat reagieren zu können und die Infizierten zu versorgen. Es fehlt an Resourcen, Personal und Organisation um die Pandemie bewältigen zu können. Dafür aber zählt er mit der Zivilgesellschaft, dem Nationalen Militär, der Nationalen Sicherheit, der föderalen Polizei, der ministerialen Polizei, der Bezirkspolizei, der Landpolizei, den Kräften der Zivilen Sicherheit und den Sicherheitskräften im Gemeinschaftliche Verwalteten Territorium (Ejido).

Soviel zur Strategie und den Maßnahmen der politisch Verantwortlichen des Bundesstaates und zur ehrlichen, aber ernüchternden Selbsteinschätzung des Überforderten Gesundheitssystems.

Mit jedem Tag rückten die Fälle von angesteckten Personen näher. Und der erste medizinisch bestätigte Fall in Salto de Agua wurde am Karfreitag (10.4.) mitgeteilt. Eine Frau, die sich, wie so viele als Arbeitsmigrantin, in der Touristenmetropole Cancun in einem Hotel als Reinigungskraft  angesteckt hat und zu ihrer Familie heimkehrte. Sie hat sich etwa ein Monat in ihrer Dorf-Gemeinschaft aufgehalten, hat dabei Verwandte in anderen Gemeinschaften besucht, ist dabei auch in die ‚Bezirkshauptstadt‘ Salto de Agua gekommen ehe sie positiv getestet werden konnte. Das einzige Krankenhaus des Bundesstaates, welches über Testmöglichkeit verfügt ist in Tuxtla Gutierrez, der Hauptstadt des Bundesstaates, etwa 7 Autostunden entfernt.

Die Bedrohung durch die Pandemie macht mit einem Mal Augenscheinlich unter welchen desaströsen Umständen die Bevölkerung hier leben muss. Nach wie vor sterben Menschen an Heilbaren Krankheiten. Im Ernstfall der Pandemie wird die jahrzehntelange Vernachlässigung der indigenen Bevölkerung im Bereich der gesundheitlichen Grundversorgung deutlich.  Auf ihre desaströse Situation und das Ausbleiben selbst der notwendigen Information von Seiten der Regierung versuchen Lokalpolitikerinnen aufmerksam zu machen. (In diesem Fall aus der benachbarten Mayaethnie den Tzeltal) „Wenn uns der Virus erreicht, sterben wir im Stillen“ (leider nur in Spanisch)

Leider fehlt mir das entsprechende Sachwissen über den Virus, das Gesundheitssystem und die Gepflogenheiten der Bevölkerung um die Frage nach den Chancen einer Kontrollierten Ausbreitung beantworten zu können. Eine sich in Mailand infizierte junge Mexikanerin kritisierte die ungenügenden Maßnahmen der mexikanischen Regierung hierzulande und warnte vor ähnlichen Szenarien wie in Mailand. Vergleichbar ist nach ihr, eine lasche Politik und zu spätes Umsetzen der vorbeugenden Maßnahmen, eine ähnliche kontaktfreudige Mentalität, die Einschränkungen beim Körperkontakt nicht hinnehmen will und ein fehlendes Problembewusstsein auf allen Ebenen.

In den nächsten beiden Wochen werden wir sehen und wir hoffen, dass sie nicht Recht behält. Wobei  selbst die Auswertung nicht nach Europäischen Maßstäben verglichen werden kann, weil selbst die Zahlen der Bekannten Fälle nicht so valide sind. Es wird nicht in demselben Maß versucht Verdachtsfälle zu testen wie in Österreich.

Bedeutung von Mobilität für mich und mein Umfeld?

Momentan freut sich der Ökonom der Gemeinschaft, weil kaum Geld für den Treibstoff der Autos ausgegeben wird. Wir halten uns an die Bewegungseinschränkung und verlassen kaum das Haus. Trotz immer strengeren Maßnahmen von Seiten der Politik und auch Mobilitätseinschränkungen, die sich Dorfgemeinschaften selbst und ihren Routentaxifahrern auferlegen,  wird ein Mindestmaß an Transport von Lebensmittel und Personen aufrechterhalten bleiben. Kleine Kreislehrläden in den Dorfgemeinschaften werden noch versorgt. Der Großteil der Bevölkerung ist Selbstversorger.