Foto Ernst Ulz - Kenia

Ernst Ulz (Mitte), Fokolar-Bewegung in Kenia

Antworten von Ernst Ulz – Nairobi – Kenia (2. April 2020):

Ich versuche einige Antworten, spontan und unreflektiert …

          Bitte beschreiben Sie kurz die aktuelle Situation in Ihrem Land….

Kenia: Gestern ist die Zahl der bestätigten Erkrankungen um 9 auf 59 gestiegen. 1 Person ist bisher gestorben. Die Dunkelziffer ist schwer zu erahnen.

          Sind die Auswirkungen von COVID-19 in Ihrem Umfeld bereits spürbar?

Ja. die Mobilität ist stark eingeschränkt (siehe unten). Restaurants geschlossen. Menschenmengen untersagt, einschließlich Gottesdienste. Wer kann, arbeitet von zu Hause. In der Modellsiedlung der Fokolar-Bewegung, in der ich lebe und arbeite, sind alle Arbeiter nach Hause geschickt worden, außer das Sicherheitspersonal. Man hat ihnen 50 % Gehalt für die nächsten zwei Monate versprochen. Sie haben natürlich keine Arbeitslosenversicherung, daher ist der Lohnausfall für sie existenziell. Die 50 Bewohner des Zentrums leben zwar nicht offiziell in Quarantäne, doch die Siedlung kann keine Besucher mehr empfangen und die Bewohner vermeiden, hinauszugehen. Einkäufe werden koordiniert. Aufgrund des Fehlens der Arbeiter ist die Instandhaltung der vielen Gebäude bzw. der Grünflächen am 18 Hektar-Grundstück schwer möglich. Bewohner übernehmen teilweise die Dienste der Arbeiter.

          Sind bereits alle Menschen in Ihrem Land ausreichend über die Gefahren von COVID-19 informiert?

Ja, aber leider halten sich viele nicht an die Ratschläge der Regierung und gehen leichtfertig Risiken ein. Eine große Herausforderung sind Fake News, die manchmal zu tätlichen Übergriffen auf vermeintliche Infizierte oder Personengruppen (Weiße) führen.

–          Wie reagiert die Politik in Ihrem Land auf die aktuelle Situation?

Das Krisenmanagement der kenianischen Regierung war bisher recht gut. Schrittweise Einführung und Erhöhung von Beschränkungen. Die Polizei greift gelegentlich sehr hart durch um Ausgangssperren durchzusetzen – übertrieben in den Augen vieler. Es gibt allerdings immer Schwarze Schafe auch unter den Politikern, die sich über die Regeln hinwegsetzen und andere in Gefahr bringen. Es gab immer wieder Berichte über chaotische Zustände bezüglich der Quarantänemaßnahmen. Da ist die Regierung bereits überfordert gewesen. Vorbildlich war der Ruf des Präsidenten zu einem Tag des Gebetes vorletzte Woche. Vertreter der großen Religionen nahmen an der Feier teil, und viele Bürger folgten im Fernsehen. Sowohl Religionen als auch politische Parteien demonstrierten eine starke Einheit. Es ist allerdings nicht abzusehen, ob die Regierung und das Gesundheitssystem fähig sein werden, die Krise zu managen, wenn sie sich ausweitet, unter medizinischem wie unter wirtschaftlichem Gesichtspunkt.

          Was sind Ihrer Meinung nach die größten aktuellen Herausforderungen?

Armut: Viele Menschen, vor allem in der Stadt, leben noch als Tagelöhner. Bei einem Ausgangsverbot wären sie nicht in der Lage, ihr tägliches Brot zu verdienen. Es gibt keine Arbeitslosenversicherung, wer also aufgrund der Krise die Arbeit verliert, ist existentiell bedroht. Millionen von Menschen leben in Kenias Großstädten in Slums auf engstem Raum zusammen. So etwas wie social/phyiscal distancing ist schlichtweg eine Illusion. Wenn der Virus in einem solchen Umfeld ankommt, ist die Ausbreitung unkontrollierbar.

          Sehen Sie eine Chance die Ausbreitung unter Kontrolle zu halten?

Die Regierung hat sehr früh Maßnahmen getroffen. Das könnte ein großer Vorteil sein. Medienberichten zufolge ist auch das sehr niedrige Durchschnittsalter der Bevölkerung von Vorteil, da junge Leute die Virus-Erkrankung weit besser wegstecken können. Die bisher relativ hohen Temperaturen verlangsamen die Verbreitung des Virus, allerdings wird es in den nächsten Monaten hier relativ kalt werden, mit Temperaturen zwischen 10 und 20 Grad im Juni und Juli.

          Ist das derzeitige Gesundheitssystem einer solchen Herausforderung gewachsen? Welche Unterstützung gibt es in diesem Bereich?

Absolut nicht. Die öffentlichen Systeme sind bereits ohne diese Krise mehr als überfordert. Private Krankenhäuser sind relativ gut, aber auch immer ausgelastet.

–          Wie wichtig ist „Mobilität“ in Zeiten dieser Krise für Sie und Ihr Umfeld?

Kenia: Flüge in das Land und hinaus sind seit einer Woche untersagt. Für mich bestünde keine Möglichkeit, das Land zu verlassen, wenn ich das wollte. Allerdings ist das zurzeit keine Option, da die Lage hier – noch (!) – viel besser ist als in Europa. Seit dem Wochenende gibt es nächtliche Ausgangssperren. Eine völlige Ausgangssperre ist demnächst zu erwarten. Um eine gewisse physische Distanz einzuhalten, dürften die Taxis und Busse  nur 50 % der Kapazität auffüllen. Damit verdoppeln sich die Preise für den Transport, was wiederum v.a. die Ärmsten trifft.

Wie erwähnt, treffen die Einschränkungen der Mobilität vor allem die Ärmsten. Eine völlige Ausgangssperre wäre für sie eine Katastrophe. Die Regierung verspricht zwar Hilfe in Härtefällen, aber ob und wie dies zu organisieren ist, ist schwer vorstellbar.

Dass man sich nun mehr „Zusammenreden“ muss für die Beschaffungen und Fahren, halte ich für einen positiven Aspekt, da hier im Verkehr ein starker Individualismus herrscht. Das könnte dazu führen, dass man in Zukunft die Ressourcen effizienter nutzt.

Eingeschränkte Mobilität bedeutet natürlich eingeschränkte soziale Kontakte. Zum Glück macht das Internet da einiges Wett, aber wenn man einander nicht persönlich begegnen kann, wird das ganz schön schwierig, e.g. jemanden im Krankenhaus besuchen, Hochzeiten und Begräbnisse Feiern, … Wenn das zu lange dauert, könnte das zu einer sozialen Desintegration führen. …