Markus Linsler, Koordinator der Cooperación Fraterna in Quito mit der Erzdiözese München – Freising

Antworten von Markus Linsler, Koordinator Cooperación Fraterna in Quito (3.April 2020):

  • Bitte beschreiben Sie kurz die aktuelle Situation in Ihrem Land ECUADOR.
    • Die Regierung, Kirchen in Kooperation mit Unternehmen und Supermarktketten strengen sich an, Grundnahrungsmittel an die Personengruppen zu verteilen, die derzeit nicht arbeiten können oder ohnehin bedürftig sind/waren (https://www.darunamanoecuador.com/acerca-de/). Viele Menschen leben von der täglichen Arbeit auf der Straße, auf dem Markt oder als Tagelöhner. Als diese Personen haben seit dem Ausnahmezustand keine Einnahmen mehr.
    • Die Situation in Quito ist weitgehend ruhig und diszipliniert. In Guayaquil scheint die Lage drastischer und kritischer zu sein. Der überwiegende Teil der Infizierten und täglichen Infozierten sind in der Provinz Guayas, zu der Guayaquil gehört. Die Einschränkungen wurden am Anfang und bis heute wohl nicht von der Bevölkerung befolgt. So werden die vielen Infektionen erklärt.
    • Die katholische Kirche reagiert auf die jeweiligen Situationen lokal. Die Bischofskonferenz ruft am 01.04.2020 auf nationaler Ebene zur Einheit auf. In Quito, Guayaquil, Ambato u.a. werden den die Verletzlichen, Bedürftigen Lebensmittelpakete verteilt. In (Erz-)Diözesen mit medizinischen Zentren, Krankenhäusern, wird wie bisher weitergearbeitet. Bereits bestehende Lebensmittelbanken konnten die Lebensmittelverteilung und Sammlung von (Lebens-)Mittelspenden zu Beginn der Krise beginnen oder sogar ausbauen. Auch hier besteht die größte Herausforderung, der Schutz der freiwilligen Helferinnen und Helfer.
  • Sind die Auswirkungen von COVID-19 in Ihrem Umfeld bereits spürbar?
    • In Quito selbst ist es außergewöhnlich ruhig – die Stadt-Kolibris sind wieder sichtbar und hörbar geworden. Man ist auf sozialer Distanz mit den Nachbarn und den Leuten, die man im beim Lebensmitteleinkauf trifft.
  • Sind bereits alle Menschen in Ihrem Land ausreichend über die Gefahren von COVID-19 informiert?
    • Alle, die sich über Internet, Radio und Fernsehen informieren, dürften ausreichend Informationen erhalten. Schwieriger wird es, wenn es sich um die Landbevölkerung oder die Personen handelt, die kein Eigenheim haben.
  • Wie reagiert die Politik in Ihrem Land auf die aktuelle Situation?
    • Die Politik und Regierung reagiert mit heftigen Eingriffen in das soziale, wirtschaftliche und öffentliche Leben. Landesweit gelten Ausgangssperren von 14:00 – 5:00 Uhr (die ersten Tage galt ab 21:00 Uhr). In manchen Landesteilen sind die Ausganssperren noch schärfer, so haben sich ganze Provinzen abgeschottet, Ein- oder Ausreisen mit PKWs, (Klein-)Bussen sind untersagt. In Supermärkten, Märkten, im öffentlichen Raum sowie beim Autofahren sind Mundschutz Pflicht, teilweise auch Handschuhe werden gefordert. Die gesamte Landesgrenze ist seit dem 17.03.2020 geschlossen. Nur Ausreisen wie bspw. Mit Rückholflügen nach Europa sind noch möglich. Überlandfahrten oder aus den Großstädten heraus, sind nur mit Passierschein möglich. Nationale Flüge sind bis auf weiteres ausgesetzt.
    • Arbeiten von zu Hause ist möglich, Präsenzarbeitszeit ist untersagt, es sei denn im Gesundheits-, Lebensmittel-, Grundversorgungs-, Sicherheits-, Lebensmittel-Transport-, akkreditierte Medien-, Bank-Sektor und Presse.
    • Am 5. April liefe der erstangekündigte Ausnahmezustand mit den beinhalteten Maßnahmen aus. Derzeit wird intern evaluiert, was die Maßnahmen erreicht haben und ob es zu Lockerungen in einzelnen Provinzen kommen kann. Insbesondere in Regionen und Provinzen, wo es so gut wie keine Infektionen gibt. Das gesamte Land kann nicht weitere Wochen stillstehen, ohne dass es womöglich zu sozialen Aufständen, Unruhen etc. kommen würde. Am 01.04.2020 hat die die Vereinigung der Indigenen zu Wort gemeldet.
    • Am 02.04.2020 wurde der Ausnahmezustand bis den geltenden Regelungen bis zum 12.04.2020 um eine Woche verlängert. Dann sollen ab dem 13.04.2020 Auflagen nach einem Ampelprinzip geben, hierbei werden die Provinzen in die Stufe grün, gelb oder rot eingestuft. Unterricht bis Ende April ausgesetzt. Nationaler und internationaler Verkehr bis Ende April von natürlichen Personen untersagt. Öffentliche Veranstaltungen und Events sind im April und Mai abgesagt.
  • Was sind Ihrer Meinung nach die größten aktuellen Herausforderungen?
    • Die Eindämmung der Übertragung an den Orten, in denen viele Menschen zusammen kommen, es gewohnt sind auf der Straße zu arbeiten oder sich das tägliche private sowie berufliche Leben auf der Straße abspielt. Dies gilt insbesondere in den warmen Klimazonen an der Küste und dortigen Ballungsräumen.
    • Die Aufrechterhaltung des Gesundheitssystems, das ja nicht nur die COVID-19 Fälle behandeln sollte.
    • Die Umsetzung der Beisetzungsprotokolle im Ausnahmezustand, es gibt wohl nicht ausreichende Krematoriums-Kapazitäten, die Bestattungsunternehmen sind nicht alle tätig – da viele geschlossen sind – dadurch fehlt es an Särgen und Bestattungsdienstleistung. Es werden aufgrund der Maßnahmen keine Särge gebaut, da ja keine Schrauben, Holz etc. verkauft oder produziert werden. Hier gibt es jetzt bereits drastische Bilder und Nachrichten aus Guayaquil.
    • In Santo Domingo versucht der Bürgermeister und der Ort-Bischof das Schlimmste zu verhindern, da der Druck hoch ist, weil zwischen 30.000 und 40.000 Familien aufgrund der Ausgangsperre nicht ihrem informellen Gewerbe nachgehen dürfen. Die Diözese kauft und sammelt Lebensmittel im großen Stil (16 LKWs Reis, 80.000 Liter Öl). Denn hier besteht laut dem Bischof Bertram Wick die Gefahr eines Flächenbrandes, wenn der Hunger eintritt und sich um Lebensmittel gestritten wird. Dann sind die Reichen nicht mehr sicher in ihren Häusern und Zonen.
  • Sehen Sie eine Chance die Ausbreitung unter Kontrolle zu halten?
    • In Quito werden die erhobenen Maßnahmen überwiegend angenommen und umgesetzt, wobei nach einigen Tagen wieder Straßenverkäufer, Bettler aus der Not heraus tätig geworden sind. Es wird ungemein schwierig werden, die strengen Maßnahmen durchzusetzen, wenn es keine angemessene Entschädigung für die täglichen Einnahmenausfälle gibt oder zumindest ausreichend Lebensmittel für alle. Der Staat ist allerdings nur bedingt dazu fähig, alle ökonomischen Folgen auf sich zu nehmen und dafür zu bürgen, wie es in anderen Staaten der Nordhemisphäre möglich ist.
  • Ist das derzeitige Gesundheitssystem einer solchen Herausforderung gewachsen? Welche Unterstützung gibt es in diesem Bereich?
    • Die Anzahl der Intensiv-Plätze für COVID-19 Patienten wie auch die Testkapazität ist gering im Vergleich zu anderen Staaten in Mittel-Europa. Die vielfältigen erhobenen Maßnahmen (Ausnahmezustand seit dem 17.03.2020 bis zum 12.04.2020) wurden wohl von Anfang an eingeführt, um den Schwachstellen des bestehenden Gesundheitssystems entgegenzuwirken. Es fehlt in manchen Provinzen im Gesundheitssektor an Schutzkleidung. Positiv entgegenzuhalten ist, dass zumindest in Quito sich ein Großteil an die Maßnahmen hält, die flächendeckend nicht überprüfbar wären.
  • Wie wichtig ist „Mobilität“ in Zeiten dieser Krise für Sie und Ihr Umfeld?
    • Mobilität ist insofern notwendig, dass ich sicher zum Supermarkt komme, denn die Straßen sind leer und die Not und der Hunger bestimmter Gruppen werden womöglich zu Mundraub oder sonstigen Übergriffen führen. Es gibt viele Menschen, die sind verzweifelt. Wovon sollen sie leben, wenn untersagt ist, ihren täglichen Verkäufen auf er Straße, vor den Märkten o.ä. nachzugehen? Einer Kollegin hat eine alte Frau ihren Spiegel und weitere sonstige private Gegenstände aus der Not heraus zum Verkauf angeboten. In Supermärkten wird gestohlen.
    • Mobilität ist entweder im Taxi oder privatem PKW möglich und auch nur für gesundheitliche Notfälle, Erwerb von Lebensmitteln oder Medikamenten. Die Maßnahmen der privaten Mobilität wurden im Rahmen von COVID-19 immer weiter eingeschränkt. Fahrzeuge dürfen gemäß ihrer letzten Nummer im Autokennzeichnen derzeit nur zweimal die Woche bewegt werden.
    • Wenn die Maßnahmen gelockert werden, ist es womöglich geeigneter, schneller, sicherer  und weitere empfehlenswert im eigenen Fahrzeug zur Arbeit, zum Einkaufen zu fahren oder sonstige Dinge zu erledigen. Alle derzeitigen Maßnahmen weder sicherlich nicht auf ein einmal gelockert werden können.
    • Im momentanen Zustand wird massiv von nicht notwendiger Mobilität abgeraten, um die Ausbreitung zu verlangsamen bzw. zu stoppen.
    • Wann eine freie Mobilität im ganzen Land wieder möglich sein wird, ist abzuwarten.