P. Franz Windischhofer
P. Franz unterwegs in den Dörfern
Callalli

P. Franz in den Dörfern im Hochland rund um Callalli (MIVA Projektreise 2015)

COVID-19 – Bericht von P. Franz Windischhofer aus Callalli in Peru (Mitte Mai 2020)

P. Franz arbeitet und lebt seit mehreren Jahrzehnten im Hochland Perus. Die rauen klimatischen Bedingungen auf 3.000 – 4.500 m Seehöhe konnten wir,  im Zuge der MIVA – Projektreise im Jahr 2015,  am eigenen Leib spüren. Umso mehr schätzen wir den unermüdlichen Einsatz von P. Franz, der nun über die aktuelle Situation berichtet.

Liebe Alexandra, liebe MIVA-Freunde; Grüß Gott euch allen!

Danke für Deine Post. Ich freue mich darüber und hoffe, dass es Euch allen gut geht. Bei Euch wurde nun alles etwas gelockert, die vom Staat gesetzten Maßnahmen haben scheinbar gute Auswirkungen gezeigt. Ich freue mich und darf Euch alles Gute wünschen.

Ja, bei uns sieht es noch nicht so gut aus. Laut offiziellem Bericht von gestern haben wir in Peru 76306 Infizierte und 2169 Tote, vor allem in Lima und im Norden des Landes. Und das obwohl wir bereits in der 9. Woche der Quarantäne sind! Diese dauert bis zum 24. Mai noch an. Und dann wird man sehen wie es weitergehen soll.

Die Lage sieht auch nicht so gut aus in Arequipa. Derzeit gibt es überhaupt keine öffentlichen Verkehrsmittel, die Märkte wurden geschlossen, denn dort wurden viele Infizierte gefunden. In Lima auf einem Markt gab es 19 Prozent Infizierte! Leider alles etwas spät!

Hier hatten wir eine Infizierte, eine Krankenschwester aus Arequipa, die im Ort Cota Cota (Gemeinde und Pfarre Tisco) gearbeitet hat; sie hat angeblich niemanden angesteckt.

Problem ist, dass immer wieder die Leute unterwegs sind, obwohl wir Einschränkungen haben und ab 18 Uhr bis 4 Uhr sogar Ausgangssperre. Am Sonntag ist totale Ausgangssperre. Und trotz all dem, die Leute sind unterwegs…

Ein Problem sind die Menschen, die vom Land sind und nun in der Stadt daheim „eingesperrt“ und vor allem ohne Arbeit sind. Viele leben ja täglich von dem Lohn, den sie Tag für Tag nach Hause bringen. Es wird viel vom Staat getan und geholfen, aber es werden nicht alle Notleidende erreicht.  Prämien für arme Familien werden ausgezahlt, kleinen Betrieben wird finanziell geholfen… Die Gemeinden haben Gelder für eine Unterstützung armer Familien mit Lebensmittel erhalten. Hier in Callalli wurden mindestens 500 solcher Lebensmittelpakete verteilt, in Caylloma über 2000. Aber auch immer wieder Fälle von Korruption…leider. Hier wird versucht die Leute davon abzuhalten, dass sie von der Stadt nach Callalli oder andere Orte kommen. Daher wird ihnen auch geholfen, denn es besteht die Gefahr dass sie das Virus mitbringen. In Caylloma haben die Nachbargemeinden, die schon zu Cusco gehören sogar die Straßen komplett blockiert, damit niemand herein oder herauskommt. Die Leute haben einfach Angst. Es gibt sicher da auch viele tragische Fälle, so auch viele Jugendliche die in Arequipa studieren und arbeiten, nun ihre Miete nicht mehr bezahlen können und daher versuchen in ihren Heimatort zu gelangen.

Ich konnte in Callalli, Sibayo und Caylloma die Ausspeisung für die älteren Menschen soweit gut organisieren. Es war etwas kompliziert in Caylloma, da die Gemeinde nicht mithelfen wollte und der Bürgermeister in den ersten 2 Wochen einfach nicht zu erreichen war.  Es wird normal gekocht und das Essen wird den älteren Menschen in Einweggeschirr ins Haus geliefert. Das Zustellen des Essens erfolgt durch die Bediensteten der Gemeinde, die eine Art Ordnungs- und Sicherheitspolizei hat, die sich in dieser Situation frei bewegen kann. Daher sind nun die älteren Menschen daheim und bekommen das Mittagsessen ins Haus geliefert.

Zusätzlich haben wir auch Lebensmittel für sie ausgegeben. Bisher haben wir da keine Kranke oder andere Probleme.  Wir haben dadurch zwar Mehrausgaben, aber es funktioniert bestens und ist vor allem sicher. Leider konnten wir diese Ausspeisung nicht in Imata organisieren, denn die Gemeinde wollte nicht, dass in der Pfarre gekocht wird und die Gefahr einer Infizierung besteht. Durch Imata geht eine wichtige Durchfahrtsstraße nach Cusco und Puno.  Vor allem Lastwägen und Geländewagen der Bergwerke fahren da durch, dazu viele Menschen, die unterwegs sind…alles eine Gefahr für die Infizierung der Bevölkerung. Über 20 Soldaten sind im Pfarrhof stationiert, die die Ordnung aufrechterhalten sollen. Einer meiner Mitarbeiter, der auch Gemeinderat ist, Gabino Choque, besucht ständig unsere älteren Menschen der Ausspeisung. Wir haben Lebensmittel an sie verteilt, und auch die Gemeinde sorgt sich um sie.

Es geht ihnen soweit gut, aber sie warten bereits auf das Funktionieren der Ausspeisung in der Pfarre. Einige von ihnen haben wegen des fortgeschrittenen Alters Probleme beim Kochen und können selber kaum ihr Essen zubereiten.

Wir sind dabei eine Frau zu bezahlen, die bei ihr daheim für sie kocht; Gemeindebedienstete werden ihnen das Essen ins Haus bringen. Ich denke, dass dies die beste Lösung ist. Bin sehr froh, dass wir in Don Gabino einen sehr guten Mitarbeiter haben, der ständig nach ihnen sieht und hilft.

Im Pfarrort Imata auf 4500 m Höhe ist die Situation besonders schlimm, denn viele Leute kommen zu Fuß von Arequipa durch Imata um dann weiter nach Cusco zu gehen. Es sind 135 km und sie gehen da 2 oder 3 Tage lang und kommen meistens nachts nach Imata. Sie bleiben dann am Platz und schlafen dort im Freien! Es sind auch immer Frauen mit Kindern dabei. Daher hat die Gemeinde eine Art „Herberge“ einrichten, neben der Gesundheitsstation wo diese Leute (vor allem die Frauen mit Kindern) übernachten können. Dazu kommt, dass es nun empfindlich kalt wird. Imata gilt als einer der kältesten Gemeindeorte in Peru mit Temperaturen bis 24 Grad unter null. Von der Pfarre haben wir Decken und Matratzen für diese Herberge zur Verfügung  gestellt, die Gemeinde das Haus.

Das alles ist halt nicht einfach, denn ich bin mit dem Kaplan im Pfarrhof „eingeschlossen“. Ich versuche auch ein Beispiel zu geben und gehe auch nicht außer Haus. Meine Radiosendungen nehme ich auf und sie werden dann am nächsten Tag übertragen. Die Gottesdienste feiern wir zwei allein in der leeren Kirche, aber sie werden auch über Radio AM übertragen, werden sehr gerne gehört und kommen sehr gut bei den Menschen an. Bei uns sind ja alle Kirchen gesperrt! Mit den Jugendlichen stehen wir in einer WhatsApp Gruppe in Verbindung. In der Karwoche haben wir über Facebook auf der Seite COLCA LIFE Botschaften und Impulse gegeben. Alles ungewohnt und doch wiederum besonders. Für mich sind es Wochen der Stille, der Ruhe und des Gebetes…trotz allem eine Zeit Gottes.

„Mobilität“ ist im Moment unmöglich, denn Fahrten mit Auto müssen vom Innenministerium bewilligt werden und gibt es nur für Dringendes. Über Telefon steh ich mit allem Mitarbeitern/innen in den verschiedenen Pfarren in Verbindung und wir versuchen so unsere Hilfen zu koordinieren. Ganz wichtig ist dabei unser Radiosender „Radio San Antonio de Padua“-Callalli, ein AM Sender, der praktisch das gesamte Pfarrgebiert und sogar weiter darüber hinaus erreicht und von allen gehört wird. Die Bürgermeister, Polizei, Gesundheitsstationen, Unterrichtsministerium…benützen diese Radiostation und dies ist die Verbindung zu den Menschen auf den Höfen auf dem Land draußen. Die Benützung von Handys ist ja hier in den Bergen nur begrenzt möglich, während das Radio überall gehört werden kann.

Derzeit werden sogar die virtuellen Unterrichtseinheiten über unser Radio übertragen. Die Schulen sind ja alle geschlossen und seit der Karwoche gibt es diesen Unterricht über Fernsehen, Internet und Radio. Dies ist in diesem Sinne momentan die wichtigste „Mobilität“. Nach Aufhebung der Quarantäne wird es aber umso wichtiger werden, dass wir mit unserem MIVA-Geländewagen wieder zu den Menschen kommen können. Und darauf warte und freue ich mich!

Vom Staat wird doch viel getan, vor allem auch auf dem Gesundheitssektor. Durch diese Quarantäne war es so möglich die Anzahl der Betten und der notwendigen Geräte anzuschaffen und auszubauen, sodass doch eine gute Kapazität vorhanden ist. Habe den Eindruck dass der Präsident Martin Vizcarra sehr gut arbeitet und besten Willen hat, was man halt nicht von den vorherigen Präsidenten sagen kann, die sich wenig um das Gesundheitswesen gekümmert haben, und das obwohl Gelder da waren.

Problematisch wird es meiner Meinung nach wenn die Quarantäne aufgehoben wird. Da sich ja schon derzeit viele Menschen nicht an die Maßnahmen halten und die Sache einfach auf die leichte Schulter nehmen, wird es wohl leicht zu einer Infizierung kommen. Ich befürchte auch, dass es dann zu einer „Völkerwanderung“ kommen wird, die Leute kommen von der Stadt zu uns und von hier fahren sie in die Stadt. Wie man das vermeiden soll, das ist mir auch nicht ganz klar.

Soweit mein Bericht. Ich hoffe, dass er so einen Überblick über unsere Situation gibt.

Solltest Du weitere Fragen haben, bitte mir zu schreiben. Ich danke Dir un dich wünsche Euch allen daheim alles Gute und Gottes Segen. Die Hl. Corona, deren fest wir heute feiern, möge uns alle behüten!

Liebe Grüße Franz