Martin Mayer im CHH

Diakon Martin Mayr (li), Christine Parzer (Mitte) und Alexandra Salmhofer (re) im ChristophorusHaus in Stadl-Paura (2018)

Antworten von Diakon Martin Mayr auf den Fragenkatalog der MIVA zur COVID-Krise (01.04.20)

  • Bitte beschreiben Sie kurz die aktuelle Situation in Ihrem Land….

 In Brasilien breitet sich das COVID-19 Virus sehr schnell aus. Zahlen sind (wie in den meisten Ländern) mit großer Vorsicht zu beurteilen. Faktum ist, das alle Gesundheits-Einrichtungen massiv Alarm schlagen. Brasilien hat in den letzten Jahren sein öffentliches Gesundheitssystem SUS stark ausgebaut. Drei Faktoren begünstigen allerdings die Ausbreitung von Epidemien. Erstens: 70 % der Bevölkerung leben heute in teils sehr dicht besiedelten städtischen Räumen. Zweitens: 60 % sind wirtschaftlich arm bzw. sehr arm, was sich in den Ernährungs-, Wohn-, Sanitär- und Bildungsverhältnissen spiegelt. Drittens: Die gegenwärtige Regierung hat die Gefährlichkeit der Pandemie über Wochen heruntergespielt; Präsident Bolsonaro ermunterte die Menschen, sich von diesem „Grippchen“ nicht von der Arbeit abhalten zu lassen.

  • Sind die Auswirkungen von COVID-19 in Ihrem Umfeld bereits spürbar?

Meine Projekt-Arbeit spielt sich im Hinterland ab. Zum Teil leben die Menschen dort noch in großer Abgeschiedenheit, sodass sie wenig Kenntnis bzw. Vorstellung von der grassierenden Pandemie haben. Allerdings kommen die meisten wenigstens einmal im Monat in das Zentrum ihrer Gemeinde, um Besorgungen zu machen und um ihre Kinder zu besuchen, die in diesen Orten zur Schule gehen. So bekommen sie die Gefahr mit. Da das Thema politisch vereinnahmt und vom Präsidenten zu einem Angriff auf sich gemünzt worden ist, sind sehr viele Falschmeldungen im Umlauf. Die einfachen Menschen sind sehr anfällig für diese Fakes. – Noch gibt es kaum gesicherte Informationen über Infektionen im Hinterland. In den kleinen Spitälern und Gesundheitsposten im ländlichen Gebiet besteht aber selbst in „normalen“ Zeiten immer Hochbetrieb.

  • Wie reagiert die Politik in Ihrem Land auf die aktuelle Situation?

Leider gibt es kein geschlossenes Vorgehen bzw. Vorbeugen seitens der brasilianischen Republik. Die Bundesregierung hat im Gefolge des Präsidenten Bolsonaro die Gefahr heruntergespielt; die Landes-Gouverneure haben daraufhin auf eigene Faust strikte Vorsichtsmaßnahmen eingeführt; die (häufig wenig kompetenten) Bürgermeister tun in den Gemeinden, was ihnen die Chefs ihrer politischen Klientel vorschreiben. – Allerdings haben sowohl der Oberste Gerichtshof als auch das Parlament abgemessen reagiert auf die Pandemie. Auch die Katholische Bischofskonferenz und weite Teile der brasilianischen Zivilgesellschaft bestehen darauf, das Leben der Menschen zu schützen und erst in zweiter Linie auf die wirtschaftlichen Folgen der Krise zu achten.

  • Sind bereits alle Menschen in Ihrem Land ausreichend über die Gefahren von COVID-19 informiert?

Nein, das lässt sich bestimmt nicht sagen. Ein sehr großer Teil der Menschen in Brasilien hat seine Gewohnheiten noch kaum geändert und säubert sich nicht mehr (oder weniger) als sonst bzw. hält nicht mehr Abstand zu den Mitmenschen. Freilich, die Schulen haben geschlossen, mittlerweile auch sehr viele Geschäfte. Die Kirchen dürfen auf die Weisung des Präsidenten hin wieder offenhalten, was die evangelikalen Kirchen nützen, was aber die Katholische Kirche für falsch erachtet. Die Fußball-Liga ist ausgesetzt; das bedeutet für sehr viele BrasilianerInnen einen sehr schmerzlichen Einschnitt.

  • Was sind nach Ihrer Meinung die größten aktuellen Herausforderungen?

Die größte Herausforderung ist, das Land geschlossen durch diese Krise zu führen und die Oberhand gegen jene zu behalten, die sich diese Krise auf kriminelle Weise zunutze machen wollen, bzw. die auf die Devise „Jeder für sich selbst“ einschwenken.

  • Sehen Sie eine Chance die Ausbreitung unter Kontrolle zu halten?

Ich sehe diese Chance nicht. Doch bin ich überzeugt davon, dass sich das Tempo der Ausbreitung drosseln lässt – und dass damit Zeit gewonnen werden kann, die Folgen von COVID-19 kontrollierter aufzufangen.

  • Ist das derzeitige Gesundheitssystem einer solchen Herausforderung gewachsen? Welche Unterstützung gibt es in diesem Bereich?

Das öffentliche Gesundheitssystem ist den erwartbaren Herausforderungen nicht gewachsen. Die Reichen werden sich zum Großteil im privaten Gesundheitssystem behandeln lassen. Die Armen, insbesondere die Ärmsten werden – wie immer – am härtesten leiden unter der Pandemie. – Es gibt Unterstützung, es wird solidarische Hilfeleistungen geben. Sie sind schlicht ein humanistisches Gebot. Die wichtigste internationale Unterstützung ist es wohl, den kompetenten Kräften des Landes unter die Arme zu greifen (z.B. auch in ihrer Mobilität) und den internationalen Druck auf die derzeitige brasilianische Regierung zu verstärken.

  • Wie wichtig ist „Mobilität“ in Zeiten dieser Krise für Sie und Ihr Umfeld?

Wenn wir nicht mobil sind, können wir uns nur einigeln, aber nicht helfen. Die Sorge um „unsere“ gefährdeten Kleinbauern, um den vom Agrobusiness so gnadenlos gerodeten Naturraum „Cerrado“ hat aber weiterhin jeden Grund. – Werden wir nach dieser Pandemie anders auf unsere großen Probleme blicken? Werden Entwicklungszusammenarbeit und internationale Solidarität mehr gelten oder völlig abgeschrieben sein? Sehr viel wird davon abhängen, wie weit wir gerade jetzt in Bewegung bleiben, um den vielen Gefahren zu trotzen, die die Menschheit und ihr gemeinsames Haus bedrohen.  Ein Wort von Papst Franziskus‘ in unser aller Ohr: „Die Aufgabe, unser gemeinsames Haus zu schützen, schließt ein, die gesamte Menschheitsfamilie in der Suche nach einer gesunden Entwicklung zu vereinen.“ (Laudato Si, 13) Zu suchen heißt mobil zu sein – und unterwegs zu bleiben.