Haiti: ein Land sucht den Neuanfang

Selbst Charles Darwin soll von Maultieren begeistert gewesen sein. Hier habe die Kunst die Natur übertroffen, befand er. Die Tiere, die von einer Pferdemutter und einem Eselsvater abstammen, sehen auf den ersten Blick der mütterlichen Seite täuschend ähnlich. Der kundige Beobachter erkennt sie aber sofort an den langen Eselsohren.

Maultiere und ihre selteneren Verwandten, die von einer Eselstute geborenen Maulesel, werden als kräftig und ausdauernd beschrieben, als robust und widerstandsfähig. Dazu sind sie weniger scheu als Pferde. Eine gewisse Eselssturheit hingegen müssen sie sich leider auch nachsagen lassen. Maultiere, auch Mulis genannt, werden oft älter als 50 Jahre, und man sagt, sie könnten an einem Tag bis zu 150 Kilo Last 40 Kilometer weit transportieren.
Mulis begleiten die Menschen schon seit der Antike. Dabei müssen immer wieder aufs Neue Pferd und Esel gekreuzt werden: Maultiere sind unfruchtbar und können keine eigenen Jungen zur Welt bringen. Die robusten Tiere wurden über Jahrhunderte auch für militärische Zwecke eingesetzt. Noch heute zählt zum Beispiel die deutsche Bundeswehr auf Mulis. Von Berchtesgaden aus werden sie zur Versorgung der Gebirgsjäger eingesetzt. Denn Maultiere sind im Vergleich zu Pferden weniger empfindlich für Kälte und Hitze – und zudem schwindelfrei.

Den Großteil ihrer Arbeit haben Maultiere freilich nicht im Krieg geleistet, sondern im Bergbau und in der Landwirtschaft. Heute noch sind sie in weniger entwickelten Gebieten auf den Feldern im Einsatz. Wenn der MIVA daher Ansuchen für Maultierprojekte ins Haus flattern, ist auch ohne Blick auf den Absender klar, dass es sich um eine gebirgige, unwirtliche Gegend handeln muss – oder um ein sehr armes Land mit geringem Motorisierungsgrad.

Ansuchen um MIVA-Mulis

Im konkreten Fall handelt es sich um Letzteres; bei der MIVA sind zahlreiche Maultieransuchen aus Haiti eingelangt. Natürlich denkt man sofort an das katastrophale Erdbeben von 2010, wenn von Haiti die Rede ist. Aber das Land war auch schon vor dieser Apokalypse in einer dramatischen Lage, geschlagen von einer Armut, aus der es kein Entrinnen zu geben scheint.

Die Maultiere, die von der MIVA erbeten werden, sollen auch nicht in die vom Erdbeben schwer getroffene Hauptstadt Port au Prince gehen, sondern in ländliche Gebiete, in denen es bis heute keinerlei vom Staat zur Verfügung gestellte Infrastruktur gibt – auch keine Straßen. Das hat oft zur Folge, dass Bauern ihre Produkte nicht auf den Markt bringen können. Maultiere hingegen brauchen nicht unbedingt Straßen, um sich auch mit großen Lasten fortzubewegen. Sie dienen zudem als Krankentransporter ins oft weit entfernte Spital oder als Schulbusse für Kinder. Nicht zuletzt helfen die Tiere den Frauen, mobil zu werden und einer außerhäuslichen Arbeit nachzugehen.
In Haiti sind Maultiere aber derzeit Mangelware; durch das Erdbeben und durch Wirbelstürme ist etwa die Hälfte der Tiere umgekommen. Das erklärt auch ihren vergleichsweise hohen Preis von durchschnittlich 500 Euro pro Tier.

Eine reiche Vergangenheit

Haiti mit seiner großen Nachfrage nach Maultieren ist das nächste MIVA-Beispielland. Das Land im Westen der karibischen Insel Hispaniola (die Dominikanische Republik nimmt den Ostteil ein) war nicht immer so arm wie heute. Nachdem Christoph Columbus die Insel entdeckt hatte, kamen spanische Siedler und bebauten das Land. Als die Spanier 1697 den Westteil der Insel an die Franzosen abtraten, war Haiti eines der reichsten Länder der Region. Vor allem Zucker und Kaffee waren weltweit gefragt. Aber dieser Reichtum kam nicht allen zugute. Die Bevölkerungsmehrheit mit mehr als einer halben Million Menschen bildeten um diese Zeit Sklaven, die man aus Afrika ins Land gebracht hatte. Massive soziale Ungerechtigkeit im Land führte zu einem Sklavenaufstand (1791 – 1803), in dessen Verlauf es einem ehemaligen Sklaven und nunmehrigen General der französischen Armee namens Toussant L’Ouverture gelang, die gesamte Insel zu besetzen. 1801 wurde die Sklaverei abgeschafft. 1804 erklärte Jean-Jacques Desslines, auch er ein Ex-Sklave, Haiti für unabhängig, rief sich selbst zum Kaiser aus und beschlagnahmte alle französischen Landgüter.

Doch den neuen Machthabern gelang es nicht, das Land zu stabilisieren. Die sozialen Auseinandersetzungen brodelten weiter, rasche Regierungswechsel waren die Folge. Der ständige politische Streit – das ist bis heute ein Problem in Haiti – machte jeden Versuch, den sozialen Ursachen der politischen Spannungen beizukommen, zunichte.

 

Von Papa Doc zu Aristide

Von 1915 bis 1934 hielten US-amerikanische Truppen das Land besetzt. Auch ihnen gelang keine Befriedung. Erst ab 1957 kam es zu einer Art Stabilität – und das unter denkbar düsteren Umständen. Mit US-Unterstützung errang François Duvalier die Macht – und gab sie nicht mehr her. „Papa Doc“, wie er verharmlosend genannt wurde, stützte seine Macht auf das Militär – und auf eine Privatarmee, die „Tontons Macoutes“, die mit großer Brutalität gegen Oppositionelle vorging. 1971 übernahm sein Sohn Jean-Claude die Herrschaft und setzte die Schreckenspolitik seines Vaters fort. Oppositionelle wurden entführt und ermordet; etwa 30.000 Menschenleben hat das Regime der Duvaliers auf dem Gewissen.

Im März 1983 besuchte Papst Johannes Paul II. das Land und prangerte die Missstände an. Wenig später führte der Unmut der Bevölkerung zu Unruhen. Auf Druck der USA verließ „Baby Doc“ im Februar 1986 das Land.

Schon dem jüngeren Duvalier, noch mehr aber seinem Nachfolger, erwuchs ein Gegner in Gestalt eines katholischen Priesters und Salesianers in Port au Prince, der sich durch seinen Einsatz für die Entrechteten die Bezeichnung „Armenpriester“ verdient hatte: Jean-Bertrand Aristide. Auf Drängen seiner Anhänger stellte er sich der Wahl und gewann mit 68 Prozent der Stimmen. Unverzüglich wollte er soziale Reformen angehen, erwies sich aber als wenig weitblickender Staatslenker. Er stellte nun seinerseits eine Privatarmee auf und ging gegen die Opposition vor. Nach nur sieben Monaten wurde er von General Raoul Cedras und den wieder erstarkten Tontons Macoutes aus dem Amt gefegt. Unter dem Schutz US-amerikanischer Truppen kehrte er 1994 nach Haiti zurück und regierte bis 1996. 2001 wurde er noch einmal Präsident – in einem Land, das mittlerweile völlig ruiniert war. Doch die politischen Auseinandersetzungen mit der konservativen Opposition (Convergence Democratique) ließen ihm wenig Raum und Energie, um einen Aufschwung herbeizuführen. Bald zeigten sich auch frühere Anhänger von dem schwachen Präsidenten enttäuscht und forderten seinen Rückzug. 2004 trat Aristide zurück und ging ins Exil.

 

Die Zukunft kommt langsam

 

Mitten hinein in die politisch und sozial äußerst schwierige Situation kam das gewaltige Erdbeben vom 12. Jänner 2010. Mehr als 300.000 Menschen starben; das Land lag völlig danieder.
Mehr als sechs Jahre nach der Katastrophe sind Fortschritte zu verzeichnen. Die Obdachlosenlager, in denen bis zu 1,5 Millionen Menschen untergebracht waren, konnten großteils aufgelöst werden. Zehntausende leben freilich immer noch in Notquartieren, und für die aus der Dominikanischen Republik zurückströmenden Flüchtlinge gibt es wenig Aufnahmekapazität. In der Hauptstadt wird wieder Handel getrieben; Bildungsangebot und Gesundheitsversorgung haben sich verbessert. Aber das Land steht noch lange nicht auf eigenen Beinen. Und es wäre nicht Haiti, würde nicht schon wieder so über Politik gestritten, dass die Erfordernisse des Landes dabei in den Hintergrund treten. Vor den anstehenden Präsidentenwahlen hat am 30. September 2015 auch der aus dem südafrikanischen Exil zurückgekehrte Ex-Präsident Aristide wieder vor Anhängern in Port au Prince gesprochen. Doch nur wenige wünschen sich ihn zurück.
Haiti braucht dringend einen großen Wurf, einen Schlussstrich unter die zerstrittene Vergangenheit. Und es braucht viele kleine Schritte. Es braucht zum Beispiel Kinder, die zur Schule kommen. Und sei es auf dem Rücken eines MIVA-Mulis.

Dies ist ein Artikel aus dem aktuellen MIVA-Brief, hier finden Sie den MIVA-Brief 2015.